Kommunikation

Buchhinweis: Gerald Beck: Sichtbare Soziologie
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[22.10.13 , 18:46]

Im Bielefelder Transkript-Verlag wird eine Publikation von Gerald Beck angezeigt mit dem Titel: Sichtbare Soziologie. Visualisierung und soziologische Wissenschaftskommunikation in der Zweiten Moderne.

Der Klappentext führt aus: (quote von der Website des Verlages (http://www.transcript-verlag.de/ts2507/ts2507.php) am 22.10.2013:

“Ist die Soziologie eine unsichtbare Wissenschaft? Ausgehend von dieser Frage und vor dem Hintergrund der These der reflexiven Verwissenschaftlichung (Ulrich Beck) beschäftigt sich Gerald Beck mit der Rolle von Visualisierungen an der Schnittstelle zwischen Soziologie und Öffentlichkeit sowie mit ihrem Einfluss auf die soziologische Wissensproduktion. Aus einer semiotischen und in den Science & Technology Studies geschulten Perspektive arbeitet er zudem die Chancen, Risiken und Aufgaben heraus, die sich mit einer zunehmenden Nutzung von Visualisierungen in der Soziologie ergeben, und formuliert Vorschläge, wie diesen zu begegnen wäre. Die Studie zeigt: Es geht nicht mehr um die Frage, ob, sondern wie die Soziologie Visualisierungen in Zukunft einsetzt.”

Visualisierung von und in der Soziologie ist zunächst kein unmittelbares Thema für einen Science 2.0-Blog. Andererseits aber wird heute kaum eine Visualisierung noch nicht digital sein – und damit ist sie auch sehr wahrscheinlich (zumindest in Teilen) im Netz präsent. Unmittelbar daran schliessen sich eine Reihe sehr relevanter Fragen an: Die Publikation der Visualisierung (s. das Posting des Kollegen Keller in diesem Blog), ihre Nutzung innerhalb der Community und für spezielle Zwecke (Unterricht), die rechtliche Regelung ihrer Nutzung (Stiwchwort OA / OER) u.a.m.

Wenn der Klappentext also verspricht, der Autor sei nicht nur semiotisch, sondern auch in “Science & Technology Studies” geschult, dann hat die Publikation ja vielleicht doch etwas mit unserem Blogthema zu tun ;-) .

[Allgemein, Kommunikation, wissensorganisation]

Was heisst Dankeschön auf Bulgarisch? – Anregungen zur Herausforderung von ‘eCollaboration’ am Beispiel internationaler Forschungsprojekte
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[02.05.13 , 06:03]

 

Mein erster EU-Projektantrag

Was für ein persönlicher Erfolg Ende Januar dieses Jahres. Mein erster (und in Anbetracht meiner vielen Verzweiflungstränen darin vielleicht auch letzter?) EU-Projektantrag war eingereicht. Ordnungsgemäss. Vollständig. Und pünktlich. Fürs Erste blieb nur noch abzuwarten, und mich bei den nationalen und internationalen Partnern zu bedanken, die mal mehr, mal weniger zuverlässig zur Fertigstellung des Antrags beigetragen hatten. Aber eine Dankesmail in Englisch? Rather boring. Dann vielleicht ein paar nette Sätze in Walliserdeutsch? – nun, wenn uns die übrigen Schweizer Eidgenossen schon nicht verstehen, wie sollten es dann Spanier, Italiener, Griechen oder Bulgaren? Ich entschied mich deshalb für ein Dankeschön in der jeweiligen Landessprache… eine Herausforderung. Und nicht die einzige – in einer Gruppe internationaler Forscher, die zu Beginn oft nicht viel mehr miteinander verbindet als eine Vision.

Die Herausforderung: Virtuelle Zusammenarbeit

Mitglieder (inter)nationaler Forschungsprojekte stehen vor der Aufgabe, innerhalb kurzer Zeit – oft innerhalb einiger Wochen – gemeinsame Projektziele zu formulieren und Wege zu definieren, diese Ziele zu erreichen – und zwar in einer Weise, welche den unterschiedlichen kulturellen Bedingungen und spezifischen Fachkenntnissen der Forschenden sowie den vielfältigen strategischen, inhaltlichen und strukturellen Bedürfnissen ihrer Institutionen Rechnung trägt.
Die Herausforderung für ein solches Team von Forschern, die aus verschiedenen Fachgebieten kommen, dabei unterschiedliche Sprachen sprechen und (zumindest potenziell) über die ganze Welt verteilt sind, heisst deshalb virtuelle Zusammenarbeit. Ein paar Mails in der jeweiligen Landessprache machen jedoch mit Nichten schon den Erfolg einer solchen Zusammenarbeit aus…

Tools sind nur die eine Seite…

Denn: eCollaboration ist kein Selbstläufer – erst recht nicht, wenn sich der zwischenmenschliche Kontakt unter den Forschern auf eMails, Dropbox oder Skype beschränkt bzw. beschränken muss. Zusammenarbeit unter der erschwerten Bedingung geografischer Distanz braucht mehr als die zur Verfügungstellung technischer Tools, wenn die Entwicklung einer gemeinsamen Projektidentiät der Weg und der geteilte Projektantrag das Ziel sein soll.
Tools ermöglichen zwar den sozialen Austausch über geografische und zeitliche Grenzen hinweg, sie ersetzen diesen aber nicht. Und damit ist eCollaboration vielmehr eine soziale denn technische Herausforderung: Forscher müssen bereit sein, nicht nur fachliche, sondern auch geografische Distanzen zu überwinden und für ihr Vorhaben positiv zu nutzen. Es gilt zusammenrücken – nicht nur räumlich, sondern auch als Team mit allen dazugehörigen mentalen, emotionalen und sozialen Aspekten.

Quelle: http://www.paperstonescissors.com/news/?p=284 (30.04.2012).

Die Core Message-to go

Was eine solche Zusammenarbeit in einem internationalen Forscherteam unter der Gegebenheit geografischer Distanz braucht, sind offene, vertrauensvolle und angstfreie Kommunikationsstrukturen. Und diese gibt es leider eben (noch) nicht auf Klick! Es braucht Bereitschaft und Zeit, einen Raum zu schaffen, in dem respektvoller Austausch möglich wird, und es braucht das Bewusstsein für einen solchen Raum als Voraussetzung erfolgreicher (internationaler) Projektarbeit.
Und ein Dankeschön in der jeweiligen Landessprache ist dabei ein erster kleiner Schritt in diese Richtung. :-)

Brig, 02.05.2013

 

[Kommunikation, neu]

Teach-In revisited: „Camps“ als neue Form wissenschaftlicher Tagungen
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[02.04.13 , 15:12]

Veränderung der Publikationsformen durch E-Books, Online-Zeitschriften und Open Access, Intensivierung und Globalisierung der Kommunikation durch Social Media-Instrumente, Zunahme kollaborativer Arbeitsformen durch die Technologien des Web 2.0 wie Blogs und Wikis, Zunahme der Interaktivität durch E-Learning – die diskutierten und manifesten Auswirkungen der Internet-Technologie und des World Wide Web auf die akademische Welt in Forschung und Lehre sind so vielfältig und wie herausfordernd.
Meist bleibt aber unerwähnt, dass auch eines der traditionellsten Rituale der wissenschaftlichen Welt durch die Neuen Medien in Bewegung gerät: die wissenschaftliche Tagung. Inspiriert durch den Geist von Web 2.0 und Social Media, beginnen sog. „Camps“ als neue Konferenz-Form auch die Welt der Wissenschaften zu erobern. Diese Entwicklung birgt das Potenzial in sich, die paradoxerweise an den Rand gedrängte Interaktivität und Kommunikation wieder ins Zentrum wissenschaftlicher Tagungen zu rücken.
Der Gang zu Tagungen und Konferenzen gehört zu den Haupttätigkeiten eines jeden Wissenschaftlers. Solche Besuche sind für die wissenschaftliche Karrierebildung genauso zentral wie das Publizieren in den einschlägigen Zeitschriften – wer Karriere machen will, muss auf möglichst vielen Tagungen Präsenz markieren. Diese sind zudem stark hierarchisch strukturiert: In manchen Wissenschaftsbereichen gleichen einige davon Initiationsritualen, durch welche junge aufstrebende Wissenschaftler von den etablierten Cracks geschleust werden, um sie auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Manche dieser Tagungen haben eine Tradition von weit über 100 Jahren, viele davon wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts im Zuge der Etablierung der modernen Wissenschaftswelt ins Leben gerufen und bestehen bis heute in kaum veränderter Form.
Das Paradoxe daran ist, dass infolge dieser rituellen Handlungen der kommunikative Aspekt, der doch im Vordergrund stehen sollte, ins Abseits gedrängt wird. Einerseits ist die Tagung aufgrund der hierarchischen Struktur von starker Zensur geprägt – niemand will sich durch unbedachte Äusserungen oder durch ein aufmüpfiges Referat die Karrierechancen vermiesen. Die Tagungen bestehen andererseits in der Regel aus einer Reihe von mehr oder minder lückenlos aneinandergereihten Referaten. Für Diskussion bleibt in der Regel wenig bis gar keine Zeit bzw. muss diese in die Kaffeepause verlegt werden. Last but not least handelt es sich bei den Referatsgrundlagen meist auch noch um einen Fliesstext, der für den geplanten Tagungsband geschrieben und nicht für ein mündliches Referat gedacht war. Somit bestehen viele dieser Event aus einer Reihe von für alle Beteiligten ermüdenden Selbstdarstellungsritualen: „Ein Vortrag wird doch nicht für die da im Plenum gehalten! Er ist ein selbstreferenzieller Akt der Wissenschaftsgemeinde, der nur auf sich selbst verweist und alles sein darf – nur nicht lebendig und unterhaltsam. Also lesen, was das Zeug hält, viergliedrige Satzungeheuer, mit Einschüben, Semikola und Parenthesen“, ärgert sich z.B. der bekannte Münsteraner Rechtswissenschaftler Thomas Hoeren in Spiegel-Online.
Seit einigen Jahren nun breiten sich aber neue Formen wissenschaftlicher Tagungen aus, die stark vom Demokratisierungsgedanken des Web 2.0 geprägt sind. Interessanterweise fand die erste solche Tagung – ein sog. BarCamp – 2004 statt, also exakt im selben Jahr, in welchem Tim O’Reillys geflügeltes Wort des Web 2.0 weltweit Verbreitung fand. Ursprünglich stammt die Camp-Idee aus Kalifornien aus dem Bereich der neuesten Trends in der Informationstechnologie (Web-Applikationen, open source-Technologien, social software und offene Dateiformate). Mit der Charakterisierung als „user-generated conference“ wird erstens diese Verbindung mit der Idee des Web 2.0 explizit gemacht. Der ebenfalls zur Charakterisierung solcher Tagungsformen eingesetzte Begriff der „Unconference“ macht zweitens klar, von was sich die Erfinder der Camp-Idee absetzen wollen: von der klassischen starr strukturierten, hierarchischen Tagungsform in der Form aneinandergereihter Referate hin zu einer offenen, spontanen, kreativen Diskussion unter Gleichberechtigten zu Themen, die von einer Mehrheit der TeilnehmerInnen als wichtig erachtet wurden .
Un-Conferences zeichnen sich dadurch aus, dass jeder, der mitmachen will, Vorschläge für sog. „Sessions“ einbringen kann, entweder im Vorfeld oder direkt an der Tagung. Ablauf und Inhalte werden von den TeilnehmerInnen hauptsächlich im Tagungsverlauf selbst entwickelt. Grundsätzlich steht die Diskussion im Vordergrund; zentral dabei ist auch, dass in den Sessions alle TeilnehmerInnen von Beginn weg aktiv teilnehmen und nicht zur passiven Rezeption gezwungen sind.
Die Camp-Idee hat in den letzten Jahren weltweit in allen Bereichen der Gesellschaft starke Verbreitung gefunden, auch in der Wissenschaft; inzwischen gib es unzählige davon. Nur schon im deutschsprachigen Raum – in einer Zusammenstellung werden für das Jahr 2013 29 verschiedene Camps aufgezählt.
An dieser Stelle sei hier nur auf zwei solcher Camp-Formen in der Wissenschaft verwiesen, an denen ich selber teilgenommen habe. Beide werden von Gruppierungen durchgeführt, die eine besondere Affinität zu Informations- und Kommunikationstechnologien aufweisen: das EduCamp von Medien- und Kommunikationswissenschaftlern und das THATCamp aus dem Bereich der Digital Humanities. EduCamps werden weltweit seit 2007 durchgeführt, im deutschsprachigen Raum seit 2008. Das THATCamp (The Humanities and Technology Camp) ist eine Initiative des Center for History and New Media der George-Mason-University in Virgina (USA) und existiert seit 2008. Unterdessen finden THATCamps überall auf der Welt statt (http://thatcamp.org/). Auch diese Tagungsform ist eine Un-Conference wie das EduCamp, doch zusätzlich werden sog. BootSessions angeboten, vorab festgelegte thematische Slots mit geladenen Gästen.
Beide Camp-Formen sind vor und während der Tagung stark durch den Einsatz von Web 2.0-Technologien und Social Meda geprägt: Vor einem EduCamp etwa wird zum Zwecke des Community-Building eine Kommunikationsplattform eingesetzt (http://educamp.mixxt.de/). Dort können Details wie Anreise oder Unterkunft geklärt werden. Die Plattform bietet auch die Möglichkeit, Themenvorschläge für Sessions zu posten und zu prüfen, wie diese von der Community im Vorfeld aufgenommen werden. Während der Tagung kommen Social Media-Instrumente wie Twitter zum Einsatz. Der Einsatz von Twitter an Tagungen ist umstritten, persönlich habe ich ihn als bereichernd erlebt: da man nie an allen Sessions gleichzeitig teilnehmen kann, geben Tweets die Möglichkeit mitzuerleben bzw. nachzuvollziehen, was in anderen Sessions geschieht und sie ermöglichen es gleichzeitig auch, mit den Urherbern der Tweets, falls gewünscht, in Kontakt zu treten. Auch und besonders dann, wenn man selber nicht an der Konferenz teilnehmen kann. Als sehr sinnvoll und bereichernd kann auch der Einsatz von kollaborativen Online-Schreibwerkzeugen (z.B. Piratepad.net) zu Dokumentationszwecken betrachtet werden. Insgesamt ist ein solches Camp ein kommunikativ-kreatives Ereignis, welches sehr motivierend wirkt und in dem man schnell mit anderen Teilnehmern in eine aktive Diskussion tritt; ihr akademischer Grad spielt dabei keine Rolle. Amanda French, die regionale THATCamp-Koordinatorin am CHNM, beschreibt die Erfahrung einer Unkonferenz mit einem „höheren Grad von intellektuellem Engagement verglichen mit einer traditionellen wissenschaftlichen Konferenz“.
Zu beobachten ist, dass im deutschsprachigen Raum die Mehrzahl der Besucher Studenten oder Angehörige des Mittelbaus sind. Professoren und Professorinnen, v.a. von den klassischen Universitäten sind kaum oder gar nicht anzutreffen. Der traditionelle Wissenschaftsbetrieb wurden von den neuen Tagungsformen noch nicht erfasst – das liegt wohl nicht zuletzt im expliziten Versuch der Camps, hierarchische Strukturen des Wissenschaftsbetriebes aufzubrechen. In diesem Versuch erinnern sie an die universitären Teach-Ins der 1960er Jahre. Beide Aktionsformen verfolgen beinahe identische Zielsetzungen vor dem explizit formulierten ideologischen Hintergrund des Wunsches nach Demokratisierung und grösserer Partizipation.

[Conference, Kommunikation, Social Media]